Neonazis marschieren nicht

Neonazis marschieren nicht

22 Neonazis wollten am Samstag auf dem Göppinger Marktplatz eine “Mahnwache” abhalten. Dies wurde ihnen aber untersagt, sie demonstrierten deshalb vor dem Bahnhof – es kamen 150 Gegendemonstranten.

„Haut ab!“ Der kleine sechsjährige Junge schüttelt seine kleine Faust. Da können sich auch die Polizisten ein Lächeln nicht verkneifen. Der Junge und etwa 150 weitere Demonstranten sind gekommen, um gegen eine so genannte „Mahnwache“ der „Autonomen Nationalisten“ zu protestieren. Etwas verloren steht das kleine Grüppchen junger Männer vor dem Göppinger Bahnhof, zwei Transparente sollen an angeblichen „Bombenterror“ erinnern. Eigentlich wollten die Neonazis zum Göppinger Rathaus marschieren, um dort herumzustehen. Dies wurde ihnen aber von der Stadt mit Hinweis auf eine andere Veranstaltung am Marktplatz untersagt. Also kam die Gruppe gerade einmal wenige Meter weit und musste am Samstagmorgen ab 10 Uhr vor dem Bahnhof ausharren.

Der Platz ist weiträumig abgesperrt, rund 100 Polizisten sind im Einsatz, berichtet Polizeisprecher Rudi Bauer. Ob die Rechtsradikalen etwas zu sagen haben und wenn ja, was – das weiß niemand. Meist stehen sie einfach da, lachen manchmal als Reaktion auf Gesänge der Gegendemonstranten („Ihr habt den Krieg verloren“). Wenn einer aus der kleinen Gruppe zum Megaphon greift, setzt sofort ein gellendes Pfeifkonzert ein, die Parolen dringen nicht durch.

Erst am Samstagmorgen habe er die Gegendemonstration als Spontandemo angemeldet, erläutert Alex Maier, Sprecher der Grünen Jugend und auch des Bündnisses „Göppingen nazifrei“, das am Mittwoch gegründet wurde. Da die „Mahnwache“ so kurzfristig angemeldet wurde, habe das Bündnis nicht mehr rechtzeitig reagieren können und so auch nicht offiziell zur Gegendemonstration aufrufen dürfen. Deshalb zeigt sich Maier zufrieden, dass dennoch rund 150 Gegendemonstranten den Weg zum Bahnhof gefunden haben. „Wir sind vor allem hier, um die nicht zu Wort kommen zu lassen“, sagt Maier. Er glaubt, durch die Gründung des neuen Bündnisses „fühlen die sich jetzt bedrängt“. Und: „Im Endeffekt bestätigt uns das – auch, wenn es traurig ist.“

Per Megaphon ruft Maier der Menge noch zu: „Bleibt friedlich, wenn wir die angreifen, geben wir ihnen recht.“ Der Appell verfehlt seine Wirkung nicht. Es bleibt friedlich. Nur einmal wird die Stimmung etwas angeheizt, als eine größere Gruppe Demonstranten zum Bahnhofseingang läuft, um dort näher bei den Rechtsradikalen zu sein und sich mit ihnen Wortgefechte zu liefern. Doch der Göppinger Stadtrat Christian Stähle (Linke) beschwichtigt die Menge, auch die Polizei beruhigt – mit Erfolg.

Auch Verdi-Landeschefin Leni Breymaier aus Eislingen hat sich unter die Gegendemonstranten gemischt. Sie zeigt sich empört, dass Oberbürgermeister Guido Till keine Flagge zeigt und nicht vor Ort ist. Da dies nun schon der dritte Neonazi-Auflauf innerhalb weniger Wochen ist, wundert sie sich auch über die Politik der Stadtverwaltung: „Man muss das nicht gleich aufs erste Mal genehmigten, andere Städte sind da weiter.“ Mit einem Verbot hätte Göppingen ein Zeichen setzen können – auch, wenn ein Gericht nachher die Veranstaltung dennoch genehmigt hätte. Bis 12 Uhr haben die Neonazis angekündigt, mahnen zu wollen. Doch offenbar ist ihnen nach weniger als einer Stunde bereits die Lust vergangen, um 10.55 Uhr lösen sie ihre Versammlung auf und kehren unter Polizeischutz in den Bahnhof zurück. Der ist auch innen abgesperrt, bis zum Gleis wird das Grüppchen von der Polizei begleitet, kein Gegendemonstrant kann auch nur in die Nähe der Nationalisten gelangen.

Schließlich besteigen die jungen Männer einen Zug in Richtung Ulm, der Spuk ist vorbei. Alex Maier ist zufrieden: „Die Nazis sind weg, ich löse die Demo jetzt auf. Es war alles friedlich – ein starkes Zeichen.“

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit sind die Nationalisten umgehend wieder aus dem Zug ausgestiegen – und haben in Eislingen eine Spontandemonstration bei der Polizei angemeldet. „Das hat aber niemanden interessiert“, berichtet Polizeisprecher Rudi Bauer. Deshalb hätten sich die Neonazis bereits um kurz vor 12 Uhr „in alle Winde zerstreut“.

Auch Bauers Bilanz des Tages ist positiv: Es gab lediglich eine Anzeige wegen Beleidigung und fünf Anzeigen gegen Demonstranten, die die Bahngleise betreten hatten.

Quelle: Südwestpresse

2013-12-01T18:09:15+00:00 3. März 2012|Presse|0 Kommentare